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Pressebericht der MainPost über die Veranstaltung zum Gedenken an die „Reichspogromnacht“ von 1938

 

 

 

 

MainPost / Gerolzhofen 12.11.2006

 

Die brutale Willkür der Nazis gegen die Juden

 

   

GEROLZHOFEN (PKS) Zum Gedenken an die Reichspogromnacht am 9. November 1938 lud geo-net (Netzwerk für Gerolzhofen) zu einer ganz außergewöhnlichen Veranstaltung in die Rüstkammer des Alten Rathauses ein, das begeisterte und doch betroffen machte. Das Chanson-Duo Café Sehnsucht mit Silvia Kirchhof (Gesang) und Achim Hofmann (Klavier) stellte anlässlich des 68. Jahrestages der Reichskristallnacht das musikalische Programm "Verehrt, verfolgt, vergessen" zusammen, das eine Hommage an vergessene, jüdische Künstler ist.

 

In Gerolzhofen begannen die Pogrome am 10. November 1938 um 12 Uhr. SA, SS und uniformierte Verbände der NSDAP durchsuchten die Synagoge, brachten das gesamte Inventar auf den Sportplatz in der Dingolshäuser Straße und verbrannten es. Außerdem durchsuchte man verschiedene jüdische Wohnungen nach Waffen und Wertgegenständen, stellte sie sicher und übergab sie der Gendarmerie Gerolzhofen. Während dieser Aktion wurden in Gerolzhofen 24 Personen, in Frankenwinheim 12 und in Lülsfeld fünf Personen festgenommen. Die Synagoge in Gerolzhofen wurde nach der Zerstörung dem 3. Zug des SS-Sturmes 9/56 als Dienstraum zur Verfügung gestellt.

 

Dem Duo Café Sehnsucht war es eine "Herzensangelegenheit", ein kostenfreies Programm zusammenzustellen, das einen Umriss der damaligen Lebensumstände mit allen Schwierigkeiten aufzeigt.

 

Mit ihrer kraftvollen Stimme interpretierte Silvia Kirchhof Lieder aus der Feder jüdischer Künstler, die mit Können und Liebe zum Publikum die Seele der Menschen berührten. Das Lied "An allem sind die Juden Schuld" von Friedrich Holländer, der 1931 von der noch freien Presse als geniales Multitalent gelobt wurde, leitete den Abend ein. Der Liedtext zeigt auf, mit welch grausamer Willkür die Nationalsozialisten gegenüber den deutschen und europäischen Juden auftraten.

 

Zu jedem Lied wurde das Publikum über Leben und Wirken des jeweiligen Komponisten informiert. Mit "Ich bin ein Vamp" von Marcellus Schiffer begeisterte Silvia Kirchhof erneut, als sie in die Rolle der jüdischen Sängerin Margo Lion schlüpfte. "Grünbein conferiert mit sich selbst im Cabaret" gelesen von Achim Hofmann, war nur eines der Werke des bedeutenden Kabarettisten Fritz Grünbaum aus Österreich. Am 14. Januar 1941 wurde er im Konzentrationslager Dachau ermordet. Silvester 1940 hatte Grünbaum seinen letzten Auftritt -in der Lagerbaracke des KZ.

 

Zahllose Texte des jüdischen Künstlers liegen unentdeckt in den Archiven in Wien und Berlin, warten auf eine ausgiebige Recherche. So wie er gerieten viele Juden in Vergessenheit. Das Duo Café Sehnsucht schaffte es, wenn auch nur einen Bruchteil, ihre Werke mit diesem Programm wieder aufleben zu lassen.

 

Im Rahmen dieser musikalischen Darbietung stellte zudem die renommierte Künstlerin Marianne Werner-Baharustani Frauenbildnisse aus der Bibel, sowie Bilder von Kultgegenständen aus dem jüdischen Leben aus. Die gebürtige Alitzheimerin, die 1982 nach Kanada auswanderte erörterte schon im Vorfeld des musikalischen Programmteils den Beweggrund für das Entstehen ihrer Öl-auf-Leinwand-Gemälde, die eine starke Verbundenheit mit der jüdischen Religion ausdrücken.

 

Nach dieser beeindruckenden, nachdenklich stimmenden kulturellen Veranstaltung im Alten Rathaus gingen die Besucher gemeinsam mit Kerzenlicht zum Gedenkstein für jüdische Mitbürger in der Schuhstraße um dort in Stille innezuhalten.

 

 

                             

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