30 Jahre

Jugendzentrum  /  Jugendhaus in Gerolzhofen

 

 

Fotoseite 1    Fotoseite 2                                                               zurück zur Hauptseite Jugendzentrum

 

 

30 Jahre Jugendzentrum Gerolzhofen – 30 Jahre Zeitgeschichte in einer Kleinstadt

 

Ende der sechziger Jahre sind immer mehr Jugendliche in Gerolzhofen mit den Freizeitangeboten, die entweder auf Vereins- oder Konsumzwang hinauslaufen, nicht mehr zufrieden. Im Jahr der allgemeinen Studentenunruhen in Deutschland und Frankreich, 1968, löst sich die Ortsgruppe der Deutschen Jugend des Ostens (DJO, Jugendgruppe eines Vertriebenenverbandes) auf und gründet dafür den Jugendclub „Studio 20“. Er soll sich den Wünschen der nichtorganisierten Jugendlichen annehmen und nutzt weiterhin das ehemalige Vereinsheim im Scherenbergturm an der Östlichen Allee. Die Zahl bezieht sich auf das Alter der Jugendlichen, die alle kurz vor ihrem zwanzigsten Geburtstag stehen.

 

In diesem Kreis entwickelt sich auch der Ruf nach einem selbstverwalteten Jugendzentrum in Gerolzhofen. Mit dem am 18. Mai 1973 gegründeten Trägerkreis Jugendzentrum Gerolzhofen (seit 1974 e.V.) wird dafür die organisatorische Plattform geschaffen. Der Trägerkreis tritt mit dem Ziel an, demokratisches Verhalten, Eigeninitiative und gemeinsame Freizeitgestaltung der Jugendlichen zu fördern. Die neue Gruppe besteht anfangs überwiegend aus Schülern und Studenten, nach und nach erweitert sich der Kreis auch um Lehrlinge.

 

 

Die ersten Jahre im Spital – 1974 bis 1979

 

Die Verhandlungen mit der Stadt führen überraschend zu einem schnellen Erfolg: Die Kommune vermietet für den symbolischen Preis von 5 DM im Jahr ungenutzte Schulräume im Spital an den Trägerkreis. Nach der Renovierung in Eigenleistung eröffnet das neue Jugendzentrum im April 1974. Das Zentrum bietet zum einen volles Kulturprogramm mit Konzerten, Filmen, Autoren- und Dichterlesungen, Ausstellungen, Open-Airs und natürlich den unvermeidlichen Parties, zum anderen Informationsveranstaltungen, überwiegend zu den Themen Jugendliche in der Arbeitswelt, Kriegsdienstverweigerung und Kommunalpolitik an. Daneben bestehen eine Vielzahl von Arbeitsgruppen, die allerdings nicht immer regelmäßig arbeiten: an erster Stelle die Film-AG, die das Zentrum überleben wird, Schüler-, Lehrlings-, Mädchen-, Theater-, Veranstaltungs-, Fußball-, Druck-, Mal- und Zeitungs-AG. Letztere ist für die Herausgabe der eigenen Zeitschrift, dem „Schaufenster“, verantwortlich.

 

Bei den Beat-Parties platzt das Spital aus allen Nähten, so daß man sie zuerst ins Pfarrheim, später in einen ungenutzten Raum des Hallenbades verlegt. Das Open-Air, das von Anfang an jährlich im Henkelmannskeller stattfindet, bietet zuerst überwiegend Jazz, konzentriert sich später aber meist auf Blues und Folk.

 

Ein offener Treff mit eigenem Thekenbetrieb ist mittwochs bis sonntags überwiegend abends geöffnet. Hier entstehen erste Probleme zwischen "Machern" und den bis zu 200 "Konsumenten" pro Abend. Immer wieder wird von den Aktiven mehr Mitarbeit beim Thekendienst und vor allem beim Putzen angemahnt. Die Organisatoren selbst stehen kommerziellen Angeboten ablehnend gegenüber und mißbilligen im Grunde, daß viele Jugendliche am Wochenende das Spital nur als Treffpunkt zum Trip nach Volkach in die Diskothek "Saustall" (später „Bienenwabe“) nutzen.

 

Die Idee der Selbstverwaltung ist stark an basisdemokratische Vorstellungen geknüpft. Oberstes Beschlußorgan ist die Vollversammlung aller Besucher.

 

Dem juristisch notwendigen Vorstand, der öffentlich tagt, ist ein gewählter Fachausschuß (mit mindestens einem Mitglied unter 18 Jahren) an die Seite gestellt, der in allen organisatorischen, kulturellen und politischen Angelegenheiten mitbestimmt.

 

 

Kultur, Film, Musik – und Politik: Streit mit der Stadt

 

Erfolgreichstes Jahr des JZ Gerolzhofen ist 1977 mit einer Vielzahl kultureller Aktivitäten, Diskussionsabende und funktionierenden Arbeitsgruppen. In diesem Jahr kommt es neben den üblichen Schwierigkeiten - Lärmbelästigung der Anwohner, etc. - zur endgültigen Konfrontation mit der Stadt. Anlaß ist eine Plakat-Ausstellung des Künstlers Klaus Steak der Jungsozialisten im Spital, die der Bürgermeister eigenhändig schließt:

 

"In den Räumen der Stadt Gerolzhofen kann nicht gestattet werden, daß demokratische Parteien -gleich welcher Richtung -, oder deren Vertreter in derart beleidigender und tendenziöser Weise dargestellt werden, ohne daß der Besucher am gleichen Ort und zur gleichen Zeit die Möglichkeit der Gegendarstellung erfährt."

 

Der Trägerkreis erhebt den Vorwurf der Zensur, die Gegenseite betont seitdem die politische Einseitigkeit des Jugendzentrums. Im folgenden Jahr kommt es zu drastischen Kürzungen beim städtischen Zuschuß. Trotzdem gelingt dem Spital eine weitere Öffnung seiner Arbeit. Es wird nun auch nachmittags für Fahrschüler geöffnet, der DGB hält Sprechstunden in seinen Räumen ab, Ferienspaß-Aktionen der Arbeiterwohlfahrt finden statt - und der Kreisjugendring Schweinfurt nimmt das Jugendzentrum endlich als Mitglied auf und tagt in seinen Räumen.

 

 

Heimatlos - Kampf für ein neues Haus: 1979 bis 1983

 

Das Aus kommt mit der Kündigung der Räume durch die Stadt zum Herbst 1979. Das Spital soll zur Bibliothek und Volkshochschule umgebaut werden, und die Stadt weigert sich, räumlichen Ersatz anzubieten. Der Bürgermeister erklärt in diesem Zusammenhang, alle selbstverwalteten Jugendzentren seien seines Wissens gescheitert. Vor der Raumfrage sei die Frage der Betreuung der Jugendlichen zu regeln. Mit einer pädagogischen Kraft zur Beratung zeigt sich der Trägerkreis allmählich einverstanden, beharrt aber auf alle Fälle auf seine finanzielle Hoheit. So kommt es zum Abriß des Jugendzentrums, ohne daß sich in der Raumfrage etwas bewegt hätte.

 

In den Auseinandersetzungen mit der Stadt gewinnt ein Text von Chalil Dschibran (1883-1931) Symbolkraft für die Jugendlichen:

 

"Eure Kinder sind nicht euer Besitz. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.

 

Sie kommen durch euch, aber nicht von euch.

 

Ihr könnt ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.

 

Ihr könnt ihren Körpern ein zuhause geben, aber nicht ihren Seelen, denn ihre Seelen wohnen in dem Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.

 

Wenn ihr wollt, könnt ihr euch bemühen zu werden wie sie, aber ihr dürft sie nicht dahin bringen wollen, zu werden wie ihr, denn das Leben geht nicht rückwärts und hält sich nicht auf beim Gestern."

 

Ein Teil der Jugendlichen hat die leidigen Querelen inzwischen satt und gründet die Kleinkunstbühne e. V. Diese kann zwar bald 600 Mitglieder verzeichnen, geht aber binnen eines Jahres wieder ein. Die Arbeitsgruppe Film hingegen schafft es, sich auf Dauer als selbständiger Filmclub zu etablieren. Aus dem Kreis der kommunalpolitischen Interessierten innerhalb des Jugendzentrums wird sich mit zunehmender Dauer des Kampfes um ein neues Haus die GE-O-L, (Gerolzhöfer Offene Liste) als erfolgreiche Konkurrenz für die bisher im Stadtrat vertretenen Parteien bilden.

 

Der Trägerkreis selbst übergibt der Stadt im Januar 1980 ein neues Konzept, das einen Sozialarbeiter in beratender Funktion und einen Vertreter der Stadt im Programmrat vorsieht. Im Gegenzug bleibt die Vollversammlung oberstes beschlußfassendes Organ. Die Stadt reagiert auf diesen Vorschlag nicht und schafft neue Hürden: Zwar fordert sie die Anstellung eine Sozialpädagogen, will ihn aber nicht finanzieren.

 

In dieser Phase ändert der Trägerkreis seine Zielsetzung. Er benennt sich um in "Trägerkreis für Jugend- und Kulturarbeit in Gerolzhofen e. V.", der auch ohne eigene Räumlichkeiten forciert ein kulturelles Veranstaltungsprogramm durchzieht. Damit soll auch gelingen, die inzwischen erwachsenen "Gründungsväter" weiterhin zu integrieren. Straßenfeste, Demonstrationen und Unterschriftensammlungen dienen dem Zweck, die öffentliche Diskussion über eine mangelnde Jugendarbeit am Leben zu erhalten. In die Unterschriftensammlung tragen sich mehr als 1000 Personen ein. Die Bundestagsabgeordneten beider großen Volksparteien (Glos und Müller), der ehemalige Bürgermeister Franz Kreppel, wie auch Landrat Karl Beck tragen sich als Erstunterzeichner auf den Listen des Trägerkreises ein - sehr zum Leid wesen der örtlichen CSU. Der Landrat wird sich dabei auch an den entsprechenden Passus seines kommunalen Jugendplanes erinnert haben: "Jugendzentren sind in jeder Gemeinde mit Mittelpunktfunktion erforderlich." Dies bedeutet, "daß im Landkreis Schweinfurt, in den als Unterzentren bestimmten Orten Werneck und Gerolzhofen (letzteres sogar mit Teilfunktionen eines Mittelzentrums) jeweils ein Jugendzentrum einzurichten ist."

 

 

Städtisches Jugendhaus in der ehemaligen Realschule: 1983 bis 1990

 

1983 räumt die Realschule ihr altes Gebäude in der Pestalozzistraße. Damit sind endlich geeignete Räume für ein Jugendhaus vorhanden. Der Trägerkreis schlägt dem Stadtrat die Einstellung eines Sozialpädagogen als ABM-Kraft vor. Nachdem die Mehrheit der Stadträte gewonnen ist, erfolgt die Entscheidung letztendlich einstimmig. Der Trägerkreis kann einen Punktsieg verbuchen, aber mit dem Einzug in die Pestalozzistraße weicht die Idee eines selbstverwalteten Jugendzentrums einer kommunalen Einrichtung, die auch versucht, die verbandliche Jugendarbeit zu integrieren. Erster hauptamtlicher Jugendhausleiter wird Bernhard Schöpf. Ihm folgt 1987 Traudl Siegfahrt nach. Die Mitarbeit des Trägerkreises, der Mitte der 80er Jahre kaum mehr Nachwuchs findet, wird immer schwächer; im November 1987 beschließt er seine Auflösung: "Die Aufgabe des Trägerkreises, als Garant für den laufenden Jugendhausbetrieb zu stehen, müsse" nun "in jedem Einzelnen weiterleben".

 

Nachdem sich 1988 die Beschwerden über Lärm- und sonstige Belästigungen häufen, führt eine über die Stränge schlagende Privatfete im Jugendhaus mit „harten“ Alkoholika zur vorübergehenden Schließung und zu einem generellen Ausschankverbot auch für Bier.

 

 

Dauerlösung: seit 1990

 

1990 steht ein weiterer Umzug an. Die alte Realschule wird abgerissen, dem Jugendhaus die ehemalige Zuchtstation in der Dreimühlenstraße zugewiesen. Nach langer Renovierungsphase durch die Eigenarbeit der Jugendlichen kann 1992 der Betrieb wieder voll aufgenommen werden. Jugendhausleiter wird jetzt Kurt Rienecker nach, der das Haus in der Dreimühlenstraße durch sein betont künstlerisches Engagement prägt und zuverlässig führt. Mittelpunkt des Hauses ist ein Veranstaltungs-, Spiel- und Thekenraum im Obergeschoß. Im Erdgeschoß befinden sich ein Computerraum und ein Werkstattraum. Der Gewölbekeller wird als Probenraum für Musikbands genutzt. Hieraus sind bereits mehrere regionale Jugendbands in den 90er Jahren hervor gegangen. Die angrenzende Halle und der kleine Garten werden im Sommer für kleinere Veranstaltungen und auch für Ferienspaßaktionen genutzt.

 

 

Vorreiter in Bayern

 

30 Jahre – mit allen Höhen und Tiefen – sind in der Jugendarbeit eine lange Zeit. Mehrere Generationen von jungen Leuten aus Gerolzhofen und der Umgebung sind durch diese Einrichtung in Gerolzhofen gegangen, haben hier einen wichtigen, prägenden Lebensabschnitt in ihrer Freizeit verbracht. Hier konnten Sie selbst aktiv werden und Verantwortung übernehmen, ihre Freizeit selbstbestimmt gestalten und hatten bei Problemen in den qualifizierten Jugendhausleitern einen kompetenten Ansprechpartner.

 

Gerolzhofen war mit dieser Einrichtung Vorreiter in Bayern und kann heute auf eine lange Erfahrung zurückblicken. Bürgermeister Franz Stephan, sonst eher ein Kritiker der Einrichtung prägte einmal den Satz: „Manche Probleme gab es in Gerolzhofen nicht, da es ein Jugendhaus gibt. Man könnte dies an Statistiken beweisen.“

 

Diese Aussage bestätigt, daß der stetige und ausdauernde Einsatz für ein Jugendzentrum bzw. Jugendhaus richtig war! Hoffen wir, daß sich das Jugendhaus in Zukunft den wechselnden Erfordernissen anpassen kann und erfolgreich die schwierigen Anforderungen bestehen wird.

 

 

Autor: Georg Drescher, Schweinfurt (1992)

bearbeitet, ergänzt und aktualisiert durch Thomas Vizl, Gerolzhofen (2004)

 

 

 

 

weitere Fotos:

Fotoseite 1    Fotoseite 2                                                               zurück zur Hauptseite Jugendzentrum