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06.12.2006

 

 

 

 

Pressemitteilung (vom 06.12.2006)

 

Zum Vortrag: Psychiatrie im Nationalsozialismus  - am Beispiel der Heil- und Pflegeanstalt Werneck

 

am Montag 27.11.06 im Gasthof "Wilder Mann"

 

 

Sprecherin Birgid Röder begrüßte die geschichtsinteressierten Zuhörer/Innen, im Namen von geo-net (Netzwerk für Gerolzhofen) zu dem interessanten Vortrag von

Dr. med. Thomas Schmelter M.A. , Oberarzt am Krankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin Schloss Werneck.

Herr Schmelter referierte unter dem Titel: Psychiatrie im Nationalsozialismus  - am Beispiel der Heil- und Pflegeanstalt Werneck

 

Einleitende Worte betreffend Euthanasie und Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus standen am Anfang des Vortrages. Die Euthanasie, euthanasía - guter Tod (auch: gute Tötung oder schöner Tod) bezeichnet die Sterbehilfe für unheilbar Kranke und Schwerstverletzte mit dem Zweck, ihnen qualvolles Leiden zu ersparen. Über die Jahrhunderte hinweg erfuhr der Begriff einen Bedeutungswandel: über "ärztliche Handlung, um Sterbenden den Todeskampf zu erleichtern" (so Francis Bacon Anfang des 17. Jahrhunderts), "Sterbebegleitung" (Hospiz) im 18. und 19. Jahrhundert, wobei die Beschleunigung des Sterbens kategorisch abgelehnt wurde, "Sterbehilfe", wobei unheilbar Kranke und Behinderte miteinbezogen wurden (Roland Gerkan um die Jahrhundertwende), bis hin zur ideologisch motivierten "Vernichtung lebensunwerten Lebens" im nationalsozialistischen Deutschland.

 

Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Idee der Beendigung "lebensunwerten Lebens" in juristischen und medizinischen Fachzeitschriften offen diskutiert. Als grundlegendes Argument für diese "Zwangseuthanasie" wurden wirtschaftliche Gründe angeführt. Klarzustellen ist hierbei, dass es sich nicht um Euthanasie im Sinne einer vom Patienten gewünschten Sterbehilfe bei einer unheilbaren Krankheit handelte, sondern um einen Euphemismus für die geplante und systematische Tötung von sogenannten "Erb- und Geisteskranken, Behinderten und sozial oder rassisch Unerwünschten".

 

 

In diesem Zusammenhang zeugt insbesondere das "Gesetz zur Verhütung genetisch erbkranken Nachwuchses" vom 14. Juli 1933, das die Zwangssterilisation von vermeintlich "genetisch" Kranken (Schizophrenie, Manisch-depressive Krankheit, Chorea Huntington, "erbliche Blindheit und Taubheit", schwerer Alkoholismus) gestattete, von der konsequenten Umsetzung der nationalsozialistischen Ideologie zugrunde liegenden biologistischen Denkweise. Von 1933 bis 1945 wurden etwa 350.000 bis 400.000 Menschen sterilisiert. Die zwangsweise Sterilisation kostete Tausenden das Leben oder verursachte schwere, bleibende Schäden der Gesundheit. Nicht nur Kranke, sondern auch arbeitsunfähige "Fremdarbeiter", Alte, Kriegsversehrte und Roma-Frauen wurden in dieses Programm einbezogen.

 

 

Auch in den Nürnberger Rassegesetzen (Reichsbürgergesetz und "Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre") manifestierte sich diese Denkweise. Neben dem Ausschluss der Juden von den Bürgerrechten standen Maßnahmen der von Ärzten kontrollieren öffentlichen Gesundheitspflege im Vordergrund. Ehepaare mussten sich beispielsweise vor der Hochzeit einer gesundheitlichen Untersuchung unterziehen um "Verunreinigungen" der Rasse vorzubeugen.

 

 

1935 schlug Alexis Carrel vor, dass Kriminelle und psychisch Kranke "human und ökonomisch in kleinen Euthanasie-Institutionen entsorgt werden sollten, welche mit entsprechenden Gasen zu beliefern seien." Auch gibt es Belege dafür, dass Reichsärzteführer Wagner schon 1935/36 mit dem Leiter des Rassenpolitischen Amtes über konkrete "Euthanasie-Maßnahmen" diskutierte. Wegen befürchteter innen- und außenpolitischer Schwierigkeiten wurde mit der Ausführung eines "Euthanasie"-Programms jedoch gezögert.

 

 

Die konkrete Umsetzung des "Euthanasie"-Programms wurde in der KdF von Heyde, Bouhler, Brandt, v. Conti, Linden und 10-15 anderen Psychiatern vorbereitet. Eine beratende Kommission wurde mit dem Auftrag eingesetzt, die Tötung der psychisch kranken Kinder zu organisieren. Zur Tarnung wählte die Kommission die Bezeichnung "Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten Leiden". Die Erwachseneneuthanasie im Nationalsozialismus begann am 21. September 1939 mit einem Erlass zur Erfassung sämtlicher psychiatrischer Anstalten. Zeitgleich erfolgten im Osten bereits Ermordungen von psychisch Kranken durch Erschießungen und Gas. Mehr als 10.000 Kranke kamen hierbei ums Leben.

 

 

Dr. Schmelter berichtete nun weiter über die Lebensverhältnisse der Patienten in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Werneck und den Stand der Aufklärung, sowie  über die Schicksale der Opfer in der NS-Zeit. Lange Jahre war über die Heil- und Pflegeanstalt Werneck in der NS-Zeit wenig bekannt. So war zu hören, dass es durch die Schließung der Klinik während des Krieges keine Patientenmorde gegeben hätte. Erst Anfang der 90er Jahre brachten die Untersuchungen einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern des heutigen Psychiatrischen Krankenhauses Näheres ans Licht. So wissen wir heute, dass 227 von ihnen zwangssterilisiert  wurden und 337 ermordet worden sind. Die Patienten aus Werneck wurden nach Pirna in Sachsen in die Tötungsanstalt Sonnenschein gebracht und dort vergast. Den Verwandten wurde mitgeteilt, das ihre Angehörigen in eine "unbekannte" Anstalt verlegt worden waren. Herr Schmelter schilderte das Zustandekommen dieser unmenschlichen Taten anhand von einigen Fallbeispielen. Auch Gerolzhofen zählte zum Einzugsgebiet Wernecks, so sind auch Euthanasieopfer aus unserer Stadt zu beklagen.

 

 

Dem hochinteressanten und anschaulich präsentieren Vortrag von Herrn Schmelter folgte noch eine sehr lebhafte Diskussion und mancher Zuhörer/in hätte dieses Thema gerne noch weiter vertieft. Geo-net Sprecher Toni Niedermeier bedankte sich bei dem Referenten und äußerte den Wunsch, das sich doch etwas mehr Menschen mit dieser Thematik befassen möchten. Die Euthanasie im Dritten Reich scheint leider bis heute ein schwieriges Thema zu sein. Geo-net und der Arbeitskreis "Stolpersteine" wird weitere Veranstaltungen zu der Thematik "Opfer im Nationalsozialismus" anbieten. Informationen sind auch unter www.geo-net.net oder auf der Internetseite des Marktes Werneck Geschichte Krankenhaus - werneck.de zu finden.


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